Pfarrer Helmut Borgmeyer

Ein Leben für die Diaspora

am 9. Oktober 2002 erreichte uns die Nachricht, dass unser langjähriger Ortspfarrer Helmut Borgmeyer in Berlin verstorben ist. 25 Jahre versah Helmut Borgmeyer seinen Dienst als Priester in Schwedt und war auch noch in den Jahren seines Ruhestandes eng mit unserer Gemeinde verbunden. Natürlich machte uns die Nachricht seines Heimganges deshalb betroffen.
Helmut Borgmeyer wurde am 8.4.1925 in Habelschwerdt (Schlesien) geboren. Er wuchs in einer Buchhandlung auf, was ihn für sein späteres Leben prägte – Bücher sollten immer ein wichtiger Teil seines Lebens sein. 1953 erhielt er die Priesterweihe. Danach stellte er sich für den Dienst in der Diaspora im Osten Deutschlands zur Verfügung. So folgten Kaplansjahre in Brandenburg/Havel (1953-1955), Potsdam (1955-1959) sowie als Dekanatsjugendseelsorger in St. Josef Berlin Weißensee (1959-1965).
Im Sommer 1965 wurde er als Pfarrer nach Schwedt/Oder gesandt. Nach Jahren des Wirkens in und um Berlin sollte er von nun an seinen Dienst in einem der östlichsten Winkel unseres Bistums versehen. Anfang der 60iger Jahre hatten viele schon die Hoffnung für die Region aufgegeben. Ein paar tausend Menschen wohnten noch in dem verträumten Tabakstädtchen. Viele zog es der Arbeit nach in andere Gegenden. Der SED-Beschluss zur Ansiedlung von Papier- und Chemieindustrie in Schwedt sollte die Situation jedoch grundlegend ändern. Von da an kamen viele tausend Menschen aus allen Gegenden Ostdeutschlands nach Schwedt. Arbeit gab es nun genug und auch Wohnraum erhielten sie Zugezogenen recht bald, was sonst in der Republik eher die Ausnahme war.
In dieser Situation galt es, die zugezogenen Katholiken zu sammeln und aus ihnen eine Gemeinde zu formen. Das war sicher nicht immer ganz einfach, kamen die Leute doch aus verschiedenen Gegenden: Sachsen, Thüringer, Mecklenburger und Einheimische aus dem weitläufigen Gemeindegebiet kamen mit oft recht unterschiedlichen Erfahrungen und Vorstellungen zusammen. Da war dann auch so mancher Streit über den rechten Weg nicht zu vermeiden.
Auch sonst galt es in den ersten Jahren seines Wirkens, die Ärmel hochzukrempeln. Das nahe gelegene „Waisen- und Kommunikantenstift“, das nach dem Krieg nur notdürftig hergerichtet worden war, bedurfte der dringenden Sanierung für die weitere segensreiche Arbeit als Kinderheim unter den Hedwigschwestern. Auch die Pfarrkirche erforderte dringende Sanierungsmaßnahmen, so dass in den folgenden Jahren deren umfassende Sanierung und Umgestaltung erfolgte. Ostdeutsche Bauherren wissen, was dies in den Jahren der sozialistischen Planwirtschaft bedeutete !
Pfarrer Borgmeyer legte so in den ersten Jahren seines aufopferungsvollen Dienstes den Grundstein für das Wachsen der Gemeinde. Dabei bliebt er jederzeit seinen Überzeugungen und Grundsätzen treu. Falsche Rücksicht gegenüber den staatlichen Behörden kannte er dabei nicht. Jederzeit war ihm eine klare Linie gegen das DDR-System und deren atheistischen Einflüsse wichtig. Wo er konnte, stärkte er hierbei auch den Gläubigen den Rücken.
Ein besonderes Bedürfnis war ihm die Verkündigung des Glaubens. Aus dem Lesen guter Bücher – seine Wohnung glich einer Bücherei – zog er viele Schlussfolgerungen für das Leben als Christ in der Zeit. Jeder aus der Gemeinde erinnert sich an seine Predigten, die meist von hohem Intellekt und inhaltlichem Anspruch geprägt waren. Oft hätte man in der Spannung seiner Worte eine Stecknadel fallen hören können.
In all den Jahren stand er immer offen für individuelle Probleme in der Gemeinde. Dabei lagen ihm enge Freundschaften nicht. Für ihn stand die Verkündigung des Glaubens an erster Stelle. Seine mitunter recht impulsive Art war auch nicht immer jedem angenehm – auch ihm selber nicht. Doch was ihm wichtig war, verteidigte er vehement.
Unermüdlich versah er seinen Dienst, bei Wind und Wetter war er bereit, wenn er gebraucht wurde. Dabei schonte er sich nicht – auch als gesundheitliche Probleme ihm den Dienst immer schwerer werden ließen. Schließlich musste er 1990 Abschied nehmen von seiner Gemeinde – ein weiterer Dienst schien unmöglich.
Um so erfreulicher war seine gesundheitliche Besserung in der Folgezeit, was ihm auch wieder neue Aufgaben in der Mithilfe der Krankenhausseelsorge im St. Marienkrankenhaus in Berlin-Lankwitz einbrachten. Bis vor einem Jahr versah er diesen Dienst in der ihm eigenen Sorgfalt und Selbstverständlichkeit.
Dabei vergaß er nie die Gemeinde in Schwedt, die ihm in 25 Jahren so ans Herz gewachsen war. Er verfolgte mit großem Interesse, aber auch mit kritischer Distanz das weitere Werden der Gemeinde nach der deutschen Vereinigung. In vielfältigen Kontakte blieb ihm „Seine“ Gemeinde lebendig.
Im kommenden Frühjahr wollten wir gemeinsam das 50-jährige Jubiläum seiner Priesterweihe begehen, ein Termin hierfür war schon geplant. Dies werden wir nun nicht mehr begehen können, denn der Herr rief ihn in sein himmlisches Reich.
Er hinterlässt eine Gemeinde, die sich seines Dienstes dankbar erinnert und eine ganze Generation von Christen unserer Gemeinde in Schwedt, deren Religiosität er nachhaltig gefestigt und geprägt hat.
R.I.P.

Georg Richter
4. Oktober 2002

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